Das Rallyegefühl – Finnland 2015

Suomi - Finnland
©Michael Minelli – michaelminelli.it

Mitten im finnischen Wald stehe ich an diesem frühen Samstagnachmittag – der Himmel hat gerade seine Schleusen geöffnet und es ist besser, sich vorerst unter einen der nahegelegenen Bäume zu schlagen. Doch das Geräusch eines Hubschraubers kündigt Größeres an – sobald der erste Motorensound zu hören ist, heißt es, schnell bis zum Rand der Wertungsprüfung zu spurten und schon schnellt ein aktueller WRC-Bolide an einem vorbei.

Ich bin mitten in einer Wertungsprüfung der Rallye Finnland 2015 – der Klassiker, auch bekannt als 1.000 Seen-Rallye – offiziell mittlerweile unter dem Namen Neste Oil Rally Finland laufend. Jukojarvi und Horkka sind die klingenden Namen der Wertungsprüfungen, auf denen ich mich heute einfinde. Rallye ist anders, das stellt man schnell fest. Das Flair und die Atmosphäre sind sicher nicht mit der Rundstrecke zu vergleichen.

Hyundia i20 Neuville
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Mittendrin in finnischen Wäldern

Für die Finnen ist die Rallye eines der Jahreshighlights schlechthin, im Sommer gilt hier den Piloten der WRC die ungeteilte Aufmerksamkeit der Skandinavier. Rund um die Universitätsstadt Jyväskylä ist in diesen Tagen alles auf die Rallye-Weltmeisterschaft fokussiert. In der Stadt selber liegt der Service Park, zu dem die Fahrzeuge regelmäßig zurückkehren.

Der große Sport spielt sich aber draußen in den finnischen Wäldern ab. Rallye und Finnland – das gehört einfach zusammen. Mit genügend Eis und Schnee gibt es in der kalten Jahreszeit auch die besten Voraussetzungen für künftige Rallyepiloten. Der Volksheld an diesem Wochenende ist natürlich Jari-Matti Latvala, der seinen VW Polo R in atemberaubenden Speed durch die Tundra jagt und sich einen Schlagabtausch mit der Nr. 1 im Team, Sébastien Ogier, liefert.

HyundaiWRC Sordo-Marti
©racing14.de – Dani Sordo – Hyundai i20 WRC – #8

Letzterer liegt zwar in der Weltmeisterschaft uneinholbar in Front, doch Latvala will wenigstens vor heimischen Publikum den Sieg mit aller Macht. Es sind manchmal nur Sekundenbruchteile, die beide voneinander trennen – doch am Ende kann der Finne zu Freude seiner Landsleute den Heimsieg nach Hause fahren – mit knapp über 13 Sekunden Vorsprung. Parallel dazu lieferte man auch noch die schnellste Rallye überhaupt ab.

Finland-in the woods
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Motorsportblogger und Konsorten im finnischen Wald ;-)

Die Wertungsprüfungen sind voll – Rallyesport hat Volksfestcharakter. Viele Stunden harren die Fans hier aus, bis endlich das erste Fahrzeug vorbeikommt. Mit an Bord ist meist die ganze Familie. Obwohl mehr als gut besucht, ist es angenehm ruhig – bis die WRC-Boliden um die Ecke rauschen.

Vorher ist das große Warten angesagt – man sitzt beieinander – der ein oder andere Stand bietet lokales Essen und Getränke zu moderaten Preisen – der Kaffe für 1,50 € ist doch beispielsweise vollkommen in Ordnung bei einem Event diese Größenordnung. Wenn man es mal mit rennsportlichen Großereignissen hier zu Lande vergleicht…

Lunch RallyFinland
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Volksfest Rallye Finnland

Man nimmt weite Wege in Kauf, um die Lenkradkünstler der Rallyeszene in Aktion zu erleben. Auf der letzten Prüfung am Sonntag – Myhinpaa – müssen oft 5 Kilometer oder mehr gelaufen werden, da die Zufahrtsstraßen schon so voll sind.

Sauna RallyFinland
©Michael Minelli – michaelminelli.it – hier gibt es einfach alles… – manchmal muss man dann aber einfach mal ruhen

Nochmal zurück zum Samstagnachmittag. Nachdem kurz ein Streckenmarshall die Zuschauer gebeten hat, sich ein Stück weiter weg von der Piste zu begeben und diese das wohlwollend zur Kenntnis genommen haben, verschwindet der Marshall wieder in eine andere Richtung. Nun gut, also alle wieder zurück ganz nah dran.

Ich muss zugeben, dass ist man von der Rundstrecke gar nicht mehr gewohnt. Der Boden ist mittlerweile recht schlammig und als Thierry Neuville im Hyundi i20 WRC an einem vorbeifliegt, bekommt man auch das erste Mal ein wenig Dreck ab. Nein, das ist man nun wirklich nicht mehr gewohnt.

Flying Gravel
©racing14.de

So ist die Aufgabe an diesem Nachmittag in erster Linie der Schutz der eigenen Kamera. Hose und Schuhe hatten danach reichlich erste Rallye-Erfahrung gesammelt – und es hat sich verdammt gut angefühlt. Man ist heute oft so weit weg vom Renngeschehen, dass es für jeden Motorsportfan herzerfrischend ist, hier an der Strecke zu verweilen.

Mancher mag nun mit dem Argument der Sicherheit kommen – aber ganz ehrlich, die gibt es nirgends zu hundert Prozent und es tut einfach gut, den Rallyeartisten der WRC in ihren Boliden so nahe zu kommen. Fürs nächste Mal sollte ich aber die Wanderschuhe besser nicht zu Hause vergessen – dafür haben die Sneakers nun einen Rallye Finnland-Erinnerungswert erhalten.

Hyundai i20 Dani Sordo
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Aufgeben ist nicht so schnell – hier Dani Sordo

Was Mercedes derzeit in der Formel 1, dass ist Volkswagen in der WRC. Für einen der ersten Verfolger lief das Finnland-Wochenende dann aber alles andere als optimal. Das Team von Hyundai Motorsport ging voller Hoffnung in die Rallye. Doch schon beim Shakedown verlor Thierry Neuville mit Copilot Nicolas Gilsoul die Kontrolle über seinen i20 WRC und war fortan mit gebremstem Schaum unterwegs. Nicht noch einen Abflug wollte der Belgier hinnehmen müssen. Rang 4 war am Ende dann noch ein versöhnliches Ende eines verkorksten Auftakts.

Rallye Finnland 2015
©racing14.de – Tänak lässt es fliegen

Die Unterschiede, wie ein Pilot hier zu Werke geht – eher etwas vorsichtig oder am Limit, das sieht man bei der WRC noch mit bloßem Auge. Bestes Beispiel hierfür zeigte sich auch am Sonntagmorgen am letzten Rallyetag. Während der ein oder andere eine Bergaufpassage noch mit etwas Luft durchfuhr, bewies der Este Ott Tänak, dass man als Zuschauer doch nicht weit genug wegstand, um nicht doch das ein oder andere Geröll abzubekommen. Macht nichts, Herr Tänak – das Zusehen war schon atemberaubend.

Motorsportblogger at Work
©Michael Minelli – michaelminelli.it – auch ich musste in den finnischen Wäldern alles geben ;-)

In den finnischen Wäldern sollte man auch nicht allzu lauffaul sein – vor allem sollte man rechtzeitig vor Ort sein für vordere Plätze. Aber auch zu späterer Stunde findet man sicher noch zwischem dem ein oder anderen Finnen einen guten Blick. Obwohl das Event in Sachen Zuschauer ganz weit vorne lag, hatte ich hier zu keiner Zeit den Eindruck, dass man sich besonders stressen musste. Im Vordergrund steht das Volksfest Rallye Finnland.

Der Este Tänak (Ford Fiesta) war ein echte Hingucker, der Junge macht wirklich Freude. Für ihn hieß es am Ende Rang 5 hinter Neuville und den drei Erstplazierten Lavala, Ogier (beide VW Polo) und Östberg (Citroen).

Für Hyundai wäre sicher mehr drin gewesen. Nach dem frühen Unfall von Thierry Neuville erwischte es auch Dani Sordo, der  in einen Graben rutschte und die Rallye Finnland ohne WM-Punkte beenden musste. Auch der Dritte im Bunde, der Neuseeländer Hayden Paddon, musste aufgrund eines Unfalls am Freitag früh die Segel streichen.

Rallye Finnland 2015
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Mittendrin – Rallyeatmosphäre in Finnland

Schon am ersten Rallyetag gab es mit der Wertungsprüfung „Ouninpohja“ ein absolutes Highlight zu sehen – superschnell und weite Flüge beschreibt diese Stage am besten. Wer in Jyväskylä am frühen Abend unterwegs ist, der hatte dieses Jahr das Vergnügen, die WRC-Boliden auch direkt in der Stadt bzw. am Stadtrand zu sehen. Das ist zwar nicht zu vergleichen mit den fliegenden WRC-Fahrzeugen in den Wäldern, macht aber auf jeden Fall Lust auf mehr.

Servicepark Hyundai
©racing14.de – Hyundai von Neuville/Gilsoul beim Service

Natürlich muss man sich auch den  Servicepark der Rally Finnland in der Stadt anschauen. Hier kann man einen genaueren Blick auf die Boliden werfen, wenn sie zum Service nach Hause kommen. Dann tickt die Uhr gnadenlos runter für eine Handvoll Mechaniker, die berechtigt sind, am Auto eine vorgegebene Zeit zu arbeiten.

Countdown Hyundai
©racing14.de – Countdown – 45 Minuten Servicezeit

Der Blick vom Service hinein in die Stadt kann sich auch lohnen – wenn man Glück hat, sieht man einen WRC-Wagen direkt im normalen Verkehr auf dem Rückweg zu seiner Mechanikercrew. Für jemanden wie mich, der sich zum allerersten Mal bei einer Rallye einfand, irgendwie gar nicht vorstellbar. Inwieweit das aber Auswirkungen auf den jeweiligen Verkehr vor Ort hat – getreu dem Motto, den Hyundai häng ich aber mal ab – nicht geklappt – ist mir nicht bekannt.

City Traffic Rallye
©racing14.de – Rückkehr einiger WRC Boliden zum Servicepark

Den Rallye-Weltmeisterschaftslauf in Finnland umgibt ein ganz besonderes Flair. Hier ist man nah dran an den aktuellen WRC-Wagen, wenn sie um die Ecke gedriftet kommen und auf zahlreichen Sprüngen ihre Flugkünste zeigen. Da lohnt sich auch ein Warten – dafür gibt es sicher schlechtere Plätze als die finnischen Wälder.

Zuschauer Finnland 2015
©racing14.de – nicht schlecht besucht würde ich sagen – Finnland 2015

Damit ich mich nicht allein durch Wertungsprüfungen und Wälder schlage, war ich an diesem verlängerten Wochenende auf Einladung von Hyundai mit anderen Kollegen aus dem Bereich Motorsport unterwegs in Sachen Rallye-WM.

Die Rallye-Einsätze für den südkoreanischen Automobilhersteller übernimmt übrigens die Hyundai Motorsport GmbH aus Alzenau, die in Zukunft vor großen Aufgaben steht. Das neue Fahrzeug für 2016 einerseits, auf der anderen Seite muss man aufgrund des neuen WRC-Reglements für 2017 wieder ein neues Fahrzeug auf die Beine stellen.

Hyundai WRC Dream Team
©Michael Minelli – michaelminelli.it – Das Hyundai WRC Dreamteam – ein unvergessliches Event

2014 konnte Thierry Neuville die Rückkehr von Hyundai in die Rallye-WM bei der Deutschland-Rallye mit einem Sieg krönen. Sukzessive arbeitet man an Verbesserungen, um künftig auch VW ärgern zu können. An dieser Stelle möchte ich mich beim gesamten Hyundai-Team für meine ersten Rallye-Eindrücke bedanken. Wie ich diese noch einen Tag nach der Rallye vertiefen konnte – darüber dann demnächst mehr.

Unterdessen sagt mir der motorsportliche Kalender, dass bald der Weltmeisterschaftslauf der WRC in Deutschland ansteht. Eigentlich habe ich keine Zeit, aber mal kurz vorbeischauen müsste doch gehen – damit ich es wieder bekomme, dieses Rallye-Gefühl! In diesem Sinne, Keep Rallying!

Rally Finland Day Three – Hyundai Motorsport 2015

 

PS: Hier noch ein paar Infos, falls euch auch ein Besuch bei der Rallye-WM in Finnland reizt:

Tickets – ein Rallyepass kostet 65 € – weitere Infos auf der offiziellen Rallye Finnland-Website

Der Blick nach Alzenau  – Hyundai Motorsport

Anreise per Flugzeug: bis Helsinki, danach weiter zum regionalen Flughafen von Jyväskylä. Besser und um vor Ort in Sachen Wertungsprüfungen mobil zu sein, sollte man direkt über die Anreise mit dem eigenen Auto nachdenken.

Hotelempfehlung: Kylpylähotelli Rantasipi Laajavuori in Jyväskylä- was für ein Name – allerdings kann man hier frühestens für den WM-Lauf 2017 sein Glück versuchen.

Rally Pass 2015
©Michael Minelli – michaelminelli.it
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