Nachlese NASCAR am Nürburgring

NWES ELITE2 Sunday
©racing14.de – NASCAR Whelen Euro Nürburgring

NASCAR in der Eifel? Am Nürburgring? Klingt im ersten Moment mehr als ungewohnt, war aber so. Beim ADAC Truck Grand Prix des Jahres 2014 gab die NASCAR Whelen Euro Series ihr Deutschland-Gastspiel. Die 1.210kg schweren Boliden der Whelen Euro Series werden von einem V8-Motor angetrieben und leisten ca. 400 PS. Die Serie ist seit einiger Zeit unter dem Dach der NASCAR organisiert und somit eine offizielle Serie der „großen“ NASCAR, der Nr. 1 im amerikanischen Motorsport.

Jerome Galpin rief die Serie vor einigen Jahren ins Leben, zunächst noch bekannt als Racecar- oder Euroracecar-Series. Der Franzose baute im Laufe der letzten Jahre die Serie Schritt für Schritt weiter auf. Letztes Jahr kam mit Whelen ein bekannter Seriensponsor hinzu, der auch in den Staaten in vielen Klassen der NASCAR aktiv ist. Vielen sind die Wagen vielleicht schon mal beim ROC -Race of Champions- aufgefallen, wo sie zum Einsatz kamen.

NASCAR Whelen Euro – das Fahrerfeld

NWES Vilarino Closeup
©racing14.de

Ich schreibe hier ja schon seit letzten Jahr regelmäßig über die Serie und konnte mir im September 2013 in Monza einen ersten Eindruck verschaffen. Erfreulich ist nach wie vor die sehr familiäre Atmosphäre, die Fahrer und Teams freuen sich jederzeit über interessierte Zuschauer. Auch bei den Besuchern des Truck Grand Prix klang bei den Rennen einiges an Begeisterung durch, vor den ersten Rennen hörte man eher Zitate wie „was ist denn NASCAR?“.

Die Rennen boten wirklich guten Motorsport, das ist erstmal das wichtigste. Insgesamt vier Rennläufe in den Klassen ELITE1 und ELITE2 haben wir gesehen. Das Feld in der ELITE1-Wertung zeigt sich gewachsen, in der Anzahl und auch in der Professionalität. Fahrer wie Anthony Kumpen, Bert Longin, Bas Leinders und Christophe Bouchut sind mehr als gestandene Piloten. An der Spitze sahen wir hier aber in erster Linie einen Dreikampf von Frédéric Gabillon, Borja Garcia und Ander Vilarino.

Eddie Cheever III Cockpit
©racing14.de – Eddie Cheever III – aus dem Formelsport in die NWES

Diese drei Piloten haben viel Erfahrung mit den Boliden, genauso wie ihre Teams. Da fällt es auch einem bekannten Team wie PK Carsport aus Belgien nicht ganz so einfach, dort mitzumischen. Gabillon kennt man wenig im europäischen Rennsport, hat er sich doch langsam aus der französichen Tourenwagenszene in die Whelen Euro hochgearbeitet. Borja Garcia schon eher, war er doch schon einmal in der World Series und GP2 aktiv. Ander Vilarino hat man hier zu Lande ebenfalls wenig auf dem Schirm, doch der Spanier und Meister der vergangen beiden Jahre ist sicher ein sehr unterschätzer Pilot. Als ehemaliger Bergmeister hatte er auch in seiner Karriere schon einiges an Rückschlägen zu verkraften, in der Whelen Euro Series ist er aber in Kombination mit seinem TFT-Team der Mann, den es zu schlagen gilt.

NWES TFT #2
©racing14.de

Dennoch, PK Carsport macht sich mehr als gut. Anthony Kumpen führt die Meisterschaft an, das zeigt, wie wichtig eine Zielankunft hier ist. Ander Vilarino musste zwei Nuller verbuchen, ist aber immer noch dicht an Kumpen dran, das wiederum zeigt die Stärke des Spaniers. Dieser war noch nie am Nürburgring und fuhr auf Anhieb auf die Pole – noch Fragen? Generell ist der Wettbewerb in der ELITE1 ein ganzes Stück professioneller geworden, hier tummeln sich die Profis, aber auch Neulinge oder Gentleman-Driver, die in eigenen Kategorien an den Start gehen.

In der ELITE2 wird das Feld von Motorsport-Rookies angeführt, die noch über wenig Erfahrung verfügen. Beim Blick auf die Top-Rundenzeiten der beiden Kategorien wird der Unterschied auch deutlich. Auch hier hat man es natürlich mit dem ein oder anderen übermotivierten und zu aggresiven Fahrer zu tun. Christophe Bouchut, in Diensten bei DF1-Racing, ärgerte sich nach dem Wochenende über einige Kollegen, die ihm auf der Geraden einfach ins Auto fuhren. Aber auch hier ist die Serie noch in einer Entwicklungsphase. Im Drivers Briefing am Freitag wurde dann auch der ein oder andere Pilot oder auch Pilotin zu den Rennleitern gebeten, benahm man sich doch beim vorherigen Lauf in Tours auf der Strecke etwas daneben.

Ford Autolix
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NASCAR Whelen Euro – Zuschauer

Alle Rennläufe am Wochenende boten aber das, was man sehen will, enge Zweikämpfe, durchaus auch mit Berührung (auch schon mal zuviel) und Boliden, die auch noch weiterfahren konnten, wenn sie sagen wir mal aerodynamisch suboptimal unterwegs waren. Gute Unterhaltung für die Zuschauer, die die Serie oft mit Szenenapplaus bedachten. Ein wenig erinnert einen die Serie auch an Zeiten der V8-Star, die vielen in mehr als guter Erinnerung geblieben ist. Für das deutsche Gastspiel wählte man mit dem ADAC Truck Grand Prix einen guten Rahmen. Als „Hauptact“ alleine wäre es sicher für die Serie schwer geworden, sich einem größeren Publikum zu präsentieren.

Die vom ADAC publizierte Zuschauerzahl für den Truck Grand Prix von 170.000 – wer ein wenig der Diskussion gefolgt ist – muss man leider als Schwachsinn bezeichnen. Sagen wir einmal realistisch betrachtet: 50.000 – 60.000. Wenn man bedenkt, dass es aber parallel den Großen Preis von Deutschland der Formel 1 gab, mit einem deutschen WM-Führenden und Siegesanwärter und man hier auf ca. 52.000 kam, finde ich das eine mehr als respektable Zahl. Es sollte nur generell nicht um das Thema Truck Grand Prix gegen F1 gehen, das ist sicher der falsche Ansatz. 170.000 Zuschauer in der heutigen Zeit, wo sich Motorsport eh schwer tut – da ist der Wunsch Vater der Gedankens. Das nur am Rande, wer sich mehr damit beschäftigen möchte, schaut einfach mal bei Motor-Kritik vorbei.

Team Brazil - Racing
©racing14.de

Die Thematik der ADAC Zuschauerzahlen haben aber ja nun auch nichts mit gutem Motorsport zu tun, den uns die Whelen Euro Series am Wochenende geboten hat. Die Serie hat bislang sechs Veranstaltungen, davon laufen bereits zwei sehr gut, bei den bereits stattgefunden Rennen in Tours und Brands Hatch war man sozusagen der „Headliner“ im Programm. Rundherum ein „amerikanisches“ Programm um die Strecke, mit allem, was den US-Fan anspricht. Beide Veranstaltungen fanden dieses Jahr zum wiederholten Male statt und ein gut gefülltes Haus gab es zu sehen.

Genau das sind Dinge, die ja auch die NASCAR selber ausmachen. Was mir am meisten von meinen Livebesuchen in den USA hängen geblieben ist, war nicht das jeweilige Renngeschehen, sondern wie man als Fan in das Event „Rennen“ einbezogen wurde. Die NASCAR sorgt meist dafür, dass man sich als Zuschauer so fühlt, als wäre man wirklich dabei und nicht nur Zaungast, das ist ja das, was mir bei der Formel 1 ein Dorn im Auge ist.

Erfreulich war am Nürburgring auch, dass man den ein oder anderen hiesigen NASCAR-Anhänger an der Strecke sehen konnte. Zwar ist diese Fan-Gemeinde im Vergleich beispielsweise zu Rennen der VLN (noch) recht klein, doch mit den Rennen vergangenes Wochenende haben die „Whelen Euros“ bestimmt das Interesse am NASCAR-Sport bei einigen geweckt.

NWES NASCAR Fans
©threewide.de – NASCAR Fans am Nürburging

NASCAR Whelen Euro – Entwicklung der Serie

Die NASCAR Whelen Euro Series ist eine Serie, die sich von „unten“ entwickelt hat. Sehr klein angefangen, zuerst nur lokal auf Frankreich begrenzt. Sechs Veranstaltungen klingen im ersten Moment nach nicht besonders viel. Doch der Kalender wird erstmal sinnvoll begrenzt, wichtig ist den Machern, hier nicht auf leere Ränge zu treffen. Guter Motorsport alleine reicht heute oft leider nicht mehr aus.

Beispiel gefällig? Als ich im Mai beim ersten Auftritt der Acceleration14-Eventreihe ebenfalls auf dem Nürburgring zu Gast war, fanden die Rennen praktisch vor leeren Rängen statt. Das war schade, rein motorsportlich sah ich klasse Rennen von unterschiedlichen Serien, das steht außer Frage. Wenn dies aber nur vor einer Handvoll Zuschauer abläuft, macht dies wenig Sinn. So musste Acceleration14 neulich ein paar Veranstaltungen aus dem Kalender werfen, hatte man doch die eigenen Ziele verfehlt.

NWES Ercoli - Ferrando
©racing14.de

Die Whelen Euro Series geht hier einen anderen Weg – sicher, auch die Serie wird zunehemnd professioneller. Nicht nur das Fahrerfeld und die Teams, auch die Organistation lernt stetig dazu. Sepp Renauer, Teamchef von Renauer Motorsport empfand die Saison 2014 als sehr gutes Einstiegsjahr in die Serie. Stichwort Kosten? Was muss eigentlich ein Pilot in Sachen WhelenEuro in der Tasche haben? Pro Rennwochenende fangen wir hier je nach Team bei ca. 10.000 – 12.000 € an nach meinen Recherchen.

Auf der Teamseite gibt es natürlich derzeit noch starke Unterschiede. Neueinsteigern wird aber auch ein Techniker der Organisation selber zur Seite gestellt, um so schneller Fuß fassen zu können. So wie es aussieht, ist auch der Truck Grand Prix im nächsten Jahr Schauplatz eines Rennens der NASCAR Whelen Euro – bestätigt ist dies natürlich noch nicht. Vielleicht wird es ein oder zwei Rennwochenende im nächsten Jahr mehr geben, gute Chancen bestehen auf ein Rennen auf dem Red Bull Ring – immerhin haben wir auch zwei österreichische Teams am Start. Da darf man die Frage aufwerfen, wo bleibt Deutschland?

NASCAR Whelen Euro – und sonst so? Randnotizen vom Ring

Mit einigen Piloten kam man am Rennwochenende in der Eifel ins Gespräch. Auf die Frage, mit welchem Fahrzeug man die Boliden der Whelen Euro Series am ehesten vergleichen könne, antwortete Bert Longin (Startnr.#11 PK Carsport): „Hmm,schwierig, vielleicht noch am ehesten mit der Viper, der alten, noch mit H-Schaltung“.

NWES WhelenEuro - Bert Longin
©racing14.de – immer für Fragen ansprechbar – Bert Longin / PK Carsport

Dass es bei den Teams noch immense Unterschiede gibt, ergab sich aus einem Gespräch mit Victor Guerin, in der Startnummer #82 vom Team Brazil am Start. Der Brasilianer, immerhin schon einmal GP2 und AutoGP gefahren erhielt auf die Frage an seinen Mechaniker, welcher Luftdruck denn nun in den Reifen sein, die Auskunft: „keine Ahnung“. Hier besteht also noch Entwicklungspotential kann man festhalten.

NWES -Ruggero Melgrati
©racing14.de – auf was man alles trifft, Ruggero Melgrati – am Ring fürs Team von Marco Spinelli am Start – fuhr im Jahr 1981 schon Kart gegen Ayrton Senna

Der Auftritt der NASCAR Whelen Euros am Ring hat Gefallen gefunden, vielleicht ja auch für das ein oder andere deutsche Team in der Zukunft ein neues Betätigungsfeld? Jerome Galpin, Vater der Serie, kann mit der Saison 2014 schon jetzt zufrieden sein. Man hat einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht, man darf auch nicht vergessen, wenn die große NASCAR der Serie ihren Stempel verpasst, ist man von der Arbeit des europäischen Ablegers angetan. Galpin wird die Serie in kleinen, sinnvollen Schritten weiterentwickeln, bis dato ist ihm das mehr als gut gelungen. Das Ganze kann man nur mit den Worten einer anderen bekannten Persönlichkeit abschließen: „Lass das mal den Papa machen, Papa macht das gut“! Also dann, Keep Racing!

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