NASCAR – ein etwas anderer Nationwide Rückblick

NASCAR NNS Champion Austin Dillon
©Chris Trotman / NASCAR via Getty Images

Es ist ein wunderbarer Tag. Es steht die Entscheidung um den NASCAR Nationwide Series Titel an. Die Sonne scheint. Weit und breit keine Regen in Sicht und die Ausgangslage ist klar. Austin Dillon hat auf Sam Hornish jr. 8 Punkte Vorsprung in der Tabelle. Nicht besonders viel, aber immerhin. Im vorherigen Rennen in Phoenix hatte Hornish ziemlich Federn gelassen und erst gegen Ende noch das Schlimmsteverhindert und sich nur zwei weitere Punkte Rückstand eingefangen.

Hier in Homestead ist das anders. Hornish hat ein erstklassiges Qualifying abgeliefert; der zehn Jahre Ältere steht auf der Pole und lässt sichtlich die Muskeln spielen. Er hat jede Menge Erfahrung, schließlich war er drei Mal Champion in der IRL, kennt also den Titelkampf und hat auch das Indy 500 im Jahr 2006 gewonnen. Austin Dillon, unser junger texanischer Freund mit Hut, dagegen schafft es gerade mal auf Startplatz 11. Wenn Hornish seine Karre am Start nicht abwürgt, ist der kleine Vorsprung damit auch schon weg. Aber der Cowboy ist der Jäger. Weiter nach vorne kann es dagegen für Hornish nicht gehen, zumindest tut er sein Bestes. Er muss sich eigentlich nur noch die Bonuspunkte erkämpfen, maximal gibt es deren 5. Die Rechnung ist einfach. Aber jeder Platz, den Dillon gut macht, bringt ihn dem Meisterring einen Punkt näher. Austin Dillon muss also Gas geben. Und er hat sein Ziel ja nur ein paar Wagenlängen vor sich und weiß, dass er es selbst in der Hand hat.

NASCAR-NNS-Homestead-Sam-Hornish
©NASCAR via Getty Images

Als die grüne Flagge fällt setzt sich die gelbe Nr. 12 von Hornish jr. gleich an die Spitze und lässt nichts anbrennen. Nur in Runde 5 kann Brad Keselowski kurz für eine Runde nach vorne tauchen, bis ihn ein überragend aufgelegter Hornish sofort wieder schnupft und sich zwei Sekunden absetzt. Dahinter balgt sich die Meute um die Plätze. Besonders Kyle Busch und Kyle Larson scheinen gut aufgelegt zu sein. Larson spielt mit der oberen Spur. Er fährt deutlich höher als alle anderen, die wöchentlichen Dirt Track Rennen sind ein gutes Training für seine Sinne. Zwei, drei Mal sieht man kleine Lackwolken von der Mauer aufsteigen, als er sie bei knapp 300 km/h leicht touchiert. Seinem Speed tut es keinen Abbruch. Derweilen kämpfte im Mittelfeld ein zu bemitleidender Austin Dillon verzweifelt mit seinem Auto. Anfänglich hatte es so ausgesehen, als könnte sein Plan ganz langsam aufgehen. Er liegt in Runde 20 immerhin auf Platz 10, hat also eine Position gut gemacht. Doch die On-Board Aufnahmen sind erschreckend. Man glaubt einen Rallyecross-Fahrer vor sich zu sehen. Die Kiste des Texaners bockt wie ein wilder Bronco, geht mehr quer als gerade durch die Kurven und der Cowboy muss das eine oder andere Mal das Steuer wild rumreißen, um seinen Chevy abzufangen. Der Meisterring verblasst zusehends in der Ferne. Nach 60 Runden ist Hornish auf Platz 4 und der Texas-Boy auf Rang 23 abgerutscht. Tendenz weiter fallend.

Vierzig Runden später sieht das Bild schon wieder erfreulicher aus. Die Dillon Truppe hat bei den Pitstops in den Cautions ein bisschen mit dem Luftdruck gepokert. Und mit dem Untergehen der Sonne und einigen kleinen weiteren Veränderungen am Wagen stellte sich dann Gott-sei-Dank langsam ein neutrales Fahrverhalten ein und hat den Mann mit Hut um neun Plätze nach vorne gebracht. Und da es sich bei den Fahrzeugen in der NASCAR, um echte Autos handelt, die aus Eisen und Blech bzw. GFK bestehen, verzichtet man auch konsequent auf überflüssige und anfällige Elektronik. Es sind also keine Kampfjets ohne Flügel wie in der Formel 1 oder DTM. Es gibt auch keine Lenkräder a la F1 mit geschätzten 85 verschiedenen Knöpfen und Drehreglern. Hier in der NASCAR ist der Fahrer gefragt und damit der “stuck’sche Popometer“.

Lange ist es her - auch racing14 hatte schon mal eine Hand an der Nationwide Trophy...
Auch racing14 hatte schon mal eine Hand an der Nationwide Trophy…

Der Anfangsabstand ist inzwischen also fast wieder hergestellt, nur hat Hornish bis zur Halbzeit souverän die meisten Führungsrunden gesammelt und sich damit auch fürs Erste zwei wichtige Bonuspunkte gesichert. So haben wir in Runde 100 einen Punkte-Gleichstand. Aber jetzt kommt auch Dillon immer besser in Tritt, während Sam Hornish jr. auf einmal nicht mehr ganz an der Spitze mithalten kann und sich aber auf einer sicheren Position 4 halten kann. Dann flackerten die Monitore auf: DILLON P1 und tatsächlich ist Dillon in Runde 151 in Führung gegangen. Doch was ist das? Es steht eine ‚3’ zufiel vor dem Namen, es ist die 33 – der kleine Dillon, namens Ty, hat sich auf einmal für 9 Runden an die Spitze gesetzt. Wo kam der denn jetzt her?

Brüderchen Austin tummelt sich auf Platz 8 und Sam Hornish  auf Rang 4. Jetzt fehlt dem Texaner wieder ein Punkt. Als es dreißig Runden später zur letzten Caution in Runde 185 von 200 kommt, hat Kyle Larson plötzlich die meisten Führungsrunden. Dieser Punkt fehlt jetzt Sam Hornish jr. und da Austin Dillon sich durch eine aggressivere Strategie bis auf ein Fahrzeug an Hornish herangefahren hat, steht er plötzlich wieder auf P1 der Meisterschaftswertung und bei Hornish taucht zwischenzeitlich sogar ein −5 Punkte auf. Das Blatt hat sich gewendet. Der Texaner muss sich jetzt nur noch wie ein Schatten am erfahrenen Mann aus Ohio hängen. Für die anderen Fahrer beginnt das große Pokern. Auf P1 des Rennen liegt nun Kyle Larson, seinen ersten NNS Sieg vor Augen und mit den inzwischen meisten Führungsrunden, am Schluss sollten es 54 sein, davon alleine 36 in den letzte 41 Umläufen. Hinter ihm reihen sich die anderen zwölf weidwunden Kollegen mit den abgefahrenen, mattschwarzen Schlappen ein. Die Reihung der ersten Acht hinter Larson lautet: Kyle Busch, Hornish, Kenseth, Whitt, Herring und Austin Dillon. Während sich dahinter ab Platz 13, den Keselowski inne hat, eine Meute von hungrigen Bestien kollektiv dazu entschließt, vier neue, schwarz glänzende, sauber beschriftete Goodyear Einheitspneus aufziehen zu lassen.

NASCAR NNS Kyle Larson Homestead
©Jonathan Ferrey / NASCAR via Getty Images

Man beachte, wir befinden uns jetzt in Runde 186 von 200. Es hat vor dieser Caution richtig heftig gescheppert und vier Fahrzeuge erwischt, die sich gefällig in Einzelteilen über die gesamte Fahrbahnbreite verteilt haben. Die Jungs vom Straßendienst müssen das große Besteck rausholen. Mal nicht eine dieser ‚Debri‘-Caution, damit unsere amerikanischen Zuschauerfreunde wieder Mal Zeit zum Bier holen haben, wie der weise RTL-Gott Heiko Wasser es kundtut. Die Putzkolone braucht sieben Runden zum Reinemachen. Viel Zeit zum Nachdenken. Die Lichter am Pacecar sind aus. Nur noch “5 to go“ wie es in der Fachsprache heißt. Reicht das mit den abgefahrenen Schlappen zum Sieg? Die Dramatik ist nicht zu überbieten. Kyle Larson, in unschuldigem Weiß mit einem roten Kullerauge auf seine Motorhaube, schielt auf die noch vier Runden entfernte weiße Flagge. Während dahinter die Fahrer wie Brad Keselowski, Trevor Bayne, Parker Kligerman und Joey Logano die Krallen ihrer neuen Goodyear-Walzen wetzen.

Time Out! Dazu muss man vielleicht kurz einschieben, dass gerade das 33. Rennen der Nationwide Series 2013 läuft. Die Frischlinge und manche ewig Junge, die hier in der 2. Liga der NASCAR in jedem Rennen um Meisterschaftspunkte fahren und damit ihren Lebensunterhalt verdienen, haben immerhin beachtliche 5 der ausgetragenen Rennen gewonnen. (Anm. d. Red.: In Buchstaben: FÜNF) Das glaubt ihr nicht? Das Stimmt nicht! Da habt ihr Recht, es waren nur VIER, denn eines hat Truck-Pilot Ryan Blaney bei seinem Abstecher in die höhere Klasse gewonnen. Wie gesagt, von den bis jetzt 32 beendeten. Während die sporadisch eingesetzten Multimillionäre des Sprint Cups bei 27 Rennen die nicht ganz unlukrative Siegprämie von jeweils etwa 90.000 US$ abgegriffen haben. Motivation hin oder her. Vielleicht sollte ich das Prinzip Nationwide doch etwas anschaulicher erklären?

Es ist eben auch hier wie im echten Leben. So, wie es schon jeder von uns erlebt hat. Machen wir also eine Zeitreise, Männer, und versetzen wir uns in unser eigenes elftes Lebensjahr zurück: Es ist der erste Schultag. Da taucht diese neue Mitschülerin auf, eine Granate, und setzt sich dann auch noch neben den kleinen Kyle auf den leeren Platz in der zweiten Reihe. Eine Göttin, und der arme Kyle bringt nur stotternd seinen Namen raus, als sie sich ihm vorstellt. In der großen Pause stehen dann die ganzen Schnösel aus den höheren Klassen um die Kleine rum und der Kapitän der Fußball-Schulmannschaft sitzt auf der Steinmauer neben ihr und hat inzwischen auch schon seine Hand auf ihrem Knie. Ob Larson an so was jetzt wohl auch denkt? Dillon auf jeden Fall streichelt zärtlich das Muscle-Car seines Großvaters. Eine Strategie gibt es eigentlich keine mehr. Er muss nur auf Biegen und Brechen an der Nr. 12 dranbleiben, ganz egal, was um ihn herum passiert. Mehr nicht! “Wie immer halt“, möchte man sagen. „Lieber Schweini, du musst nur diesen einen Elfmeter verwandeln. Hast du schon tausend Mal gemacht. Mehr nicht“!

Die Horde formiert sich in Zweier-Reihe und man sieht Larson förmlich mit der Hand aufmerken und wild schnipsen: ‚Äh! Tschuldigung, Jungs! Ich hab noch nie, darf ich vielleicht auch mal? Nur einmal! Bitte!’ Die gesamte Schulmannschaft dreht sich langsam zu ihm um und sieht den Störenfried aus der ersten Reihe mitleidig an. Die Sekunden vor dem Restart ziehen sich in die Länge, Larson sieht das ‚imaginäre Kopfschütteln‘ und die grüne Flagge fällt. Verzweifelt stürmt er nach vorne. Diesmal auf der ungewohnten Innenbahn. Das ist der kürzere Weg.

Brad Keselowski
©Chris Trotman / NASCAR via Getty Images

Zwei Runden später zieht Brad Keselowski mit der ungewohnten Startnummer 48, von Platz 11 kommend, vorbei und übernimmt die Führung. White Flag. Checkered. Aus der Traum. Mit einer Green-White-Checkered wie am Vortag dreimal bei den Trucks hätte es wohl gereicht. Sch… Sport eben. Der Einlauf ist Keselowski vor Larson, Busch und Kenseth. Der eigentlich bei diesem Szenario zu erwartende Big One, wenn sich das Feld zusammenstaucht, weil die hinten viel Grip haben und die vorne wenig, bleibt Gott-sei-Dank aus.

Dillon und Keselowski drehen ihre Donats und feiern. Dillon dreht sie frech auf dem Strecken-Logo und taucht alles in gelben Nebel, die Hauptsponsor-Farbe seines Gegners Sam Hornish jr. Keselowski sonnt sich inzwischen gut gelaunt im Scheinwerferlicht der Victory Lane. Aber nur gut, dass ich kein NASCAR-Fahrer bin, denn ich hätte mich an Larsons Stelle bei Brads Siegerinterview ganz heimlich neben ihn geschlichen, mein Mund wenige Zentimeter von seinem Ohr entfernt und dann nur geschrien: „Ich weiß, wo du dein Auto geparkt hast, du Arsc…!“ Oder ich wäre einfach hingegangen und hätte ihm eine gescheuert. So a richtig g’scheide Bockfotz’n: „Wenn du fragst wofür, Brad, ‚fangst da no oane’, Du Arsc..!“ (Anm. d. Red: Der Autor dieses Artikels ist aus dem fernen Bayern. Man beachte den Originalton Süd)

Gut, Kyle Larson ist einen Kopf kleiner als ich und muss sich auch bei Brad ziemlich auf die Zehenspitzen stellen, um sein Ohr zu erreichen. Aber trotzdem! Dann hätte ich mich eben angeschlichen, Hose auf und dem Kapitän der Schulmannschaft beim Interview auf die Schuhe gestrullert. Rache ist süß. Aber immerhin hat sich Larson den Titel „Rookie of the Year“ gesichert. Ein schöne Trophäe, quasi „zweiter Klassensprecher“, um bei unserem Beispiel zu bleiben, oder doch eher ‚Tafeldienst’?

Aber auch für sein tolles Driver Rating von 130,7, das sind immerhin zehn Punkte mehr als bei Keselowski, kann sich Larson den ersten Nationwide Sieg nicht kaufen.

Aber da fehlt doch noch irgendwas? Ach ja! Sam und Austin, die beiden Klassenstreber. Stimmt! Fast vergessen. Also Klassenbester wurde: Austin Dillon! NASCAR Nationwide Series Champion 2013 muss es natürlich korrekt heißen. Er wurde Zwölfter im Rennen, während Sam Hornish jr. es auf den neunten Platz schaffte. Am Schluss waren es also 3 Pünktchen bei 33 Rennen. Will heißen, bei etwa 150 bis 200 absolvierten Boxenstopps in diesem Jahr hätte es für Sam Hornish jr wahrscheinlich gereicht, wenn er nur vier Mal um eine Position früher an der Boxenausfahrt gewesen wäre. Hätte! Wäre! Wenn! Schweini hat auch nicht getroffen im Finale ‚Dahoam’.

Gratulation an Austin Dillon, den Meister mit dem Hut. Und auch an Sam Hornish jr. zum Vize-Titel, wir drücken ihm besonders die Daumen, dass er, jetzt noch ohne Cockpit für 2014, auch im nächsten Jahr dabei ist, denn er hat auch die Nachfolge Franchittis bei den Indycars bereits ausgeschlagen und setzt alles auf die Karte NASCAR.

Ich freuen mich jetzt schon wahnsinnig auf den Sprint Cup 2014 und besonders auf die Rookie-Wertung, wenn die Rasselbande aus Dillon #3, Larson #42, Annett #7, Allgaier #51 und vielleicht auch Kligerman in der #30 sich um die Punkte rauft.

Ach ja. Noch was. Kyle Larson hat zwei Tage nach dem Rennen noch eine Strafe aufgebrummt bekommen. Angeblich war sein Vorderwagen zu tief. Haha! Wenn ihr mich fragt. Also ich glaube, der hat dem Keselowski doch die Luft aus den Reifen von seinem Privatwagen gelassen. 6 Punkte Abzug. Ich bitte Euch! Das sind gerade mal ‚6 pro Mille’ bei dem Punktestand. Lächerlich. Die Judges haben sich wahrscheinlich heimlich totgelacht. In diesem Sinne: Kommt alle gut durch die Off-Season und immer schön in der Spur bleiben, gerade im Winter.

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