Rallycross WM – Grönholm Sieger im Hell-Chaos

Rallycross WM Niclas Grönholm
©GRX Tanceo/by Jan Kåre Rafoss

Niclas Grönholm nachträglich zum Sieger vom WorldRX-Event in Hell erklärt – Anton Marklund gewinnt das Finale, wird aber disqualifiziert – Regenfälle wirbeln das Feld der Rallycross WM vor den Semfinal-Läufen ordentlich durcheinander – Rallycross-Spektakel wird am Ende am grünen Tisch entschieden.

Land unter in Hell und Sieg für Niclas Grönholm

Mit dem fünften Lauf des Jahres ist nun schon Halbzeit in der Rallycross WM anno 2019 und Hell sorgte als Auftakt der Skandinavien-Festspiele der WorldRX für ein besonderes Rallycross-Spektakel, dessen Sieger leider am Ende am grünen Tisch gekürt wurde.

Doch zunächst rollen wir das Geschehen mal von hinten auf. Vor den Semifinal-Läufen öffnete der Himmel seine Schleusen und setzte die norwegische Piste aber mal richtig unter Wasser. Das sorgte für komplett geänderte Verhältnisse im Halb- und auch im Finale.

Der ansonst so wichtige Startplatz in Hell ganz vorne bzw. in der ersten Reihe wurde daher zum Nachteil, denn wo ordentlich Gummi lag, wurde es auch deutlich rutschiger. So kam vor allem Niclas Grönholm, der die Qualifikation schon an der Spitze abschloss, schlecht weg und musste sich nach der ersten Kurve die Führung von WRX-Debütant Kevin Abbring im Skoda Fabia abnehmen lassen. Zu allem Überfluss für den Finnen rutschte auch noch Kevin Hansen durch.

Hinter dem ersten Dreierpack gingen Liam Doran, Anton Marklund und Janis Baumanis in die Joker Lap, es zeigte sich schon in den Semifinaldurchgängen, dass diese Taktik wohl die bessere war. So rückte der zweite Supercar-Zug dann auch zügig näher.

HellRX Finale WRX 2019
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In der vorletzten Runde nahm Abbring die Extrarunde, danach unterlief ihm aber ein leichter Fehler und er musste sich von einem Podestplatz verabschieden. Unterdessen sah Liam Doran aufgrund der besseren Strategie wie der sichere Sieger aus. Ein mechanisches Problem verlangsamte aber den Audi S1 vom RX Cartel plötzlich und Marklund zog im Renault Megane von GCK vorbei. Als die Spitze in der letzten Runde in die Joker Lap ging schien die Sensation perfekt.

Anton Marklund konnte locker die Führung übernehmen und seinen ersten Sieg in der Rallycross WM nach Hause fahren, so dachte man zumindest.

Dahinter hing Niclas Grönholm im Getriebe von Kevin Hansen, fand aber keinen Weg vorbei. Grönholm musste sich dahinter einreihen und sich auch noch kurz gegen Janis Baumanis im STARD-Fiesta erwehren, der zunächst den vierten Rang vor Kevin Abbring belegte, während Doran noch als 6. klassifiziert wurde.

Nach dem Rennen dann der Schockmoment für GCK und Marklund, aufgrund einer Unregelmäßigkeit am Renault Megane Supercar wurde der Schwede komplett vom Event disqualifiziert. Dazu gab es eine 1-Sekunden-Strafe für Kevin Hansen für ein zu hartes Duell mit Niclas Grönholm. Der feierte so sicher keinen unverdienten Sieg, auch wenn man ihn in dieser Form nicht richtig zelibrieren konnte.

Rallycross WM Hell 2019
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Anton Marklund – Wie gewonnen, so zerronnen

Der 26-jähriige Marklund ist dieses Jahr längst die Speerspitze von GCK geworden. Der Schwede hat sich an den Megane gewöhnt und konnte zuletzt immer wieder mit guten Rundenzeiten glänzen. So jetzt auch in Hell. Nach einer guten Qualifikation schaffte er es mit einem zweiten Rang in seinem Semfinal-Durchgang locker in das Finale und auch hier machte er alles richtig.

Doch er durfte sich nicht lange über den Überraschungssieg freuen. Bei der technischen Kontrolle nach dem Finale stellte man an der vorderen Befestigung des Stoßdämpfers ein zu dickes Rohr fest – um sage und schreibe 0,5 mm. Damit entsprach dieses nicht dem Reglement und Marklund musste die Disqualifikation vom gesamten Event hinnehmen.

Anton Marklund
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Niclas Grönholm – Comeback mit Ausrufezeichen

So gewann am Ende der Mann, der schon in der Qualifikation mehrere Ausrufezeichen setzte. Zwei Events musste Grönhom aufgrund einer Blinddarm-OP auslassen, der Finne nahm dabei wohl jede mögliche Komplikation mit.

So musste er aus der Ferne zusehen, wie sich Teamkollege Timur Timerzyanov in Spa den Sieg holte und auch Ersatzmann Joni Wiman auftrumpfen konnte. Sichtlich immer noch nicht ganz fit ging Niclas Grönholm dann in Hell an den Start und gewann prompt den ersten Qualifikationsdurchgang. Das war aber keine Eintagsfliege, denn auch der zweite und vierte Durchgang ging an den Mann im Hyundai i20 Supercar von GRX.

Niclas Grönholm
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Nur im dritten Qualisegment begnügte er sich mit dem fünften Rang, hier trat die Konkurrenz auch teilweise mit neuen Reifen an, aber die Spitze in der Gesamtwertung war ihm nicht mehr zu nehmen.

Der starke Regen vor dem ersten Halbfinale konnte den 23-jährigen dann auch nicht aus der Ruhe bringen, er gewann sein Semifinale locker. Im Finale bleib er zwar zunächst auf der Strecke hinter Kevin Hansen hängen, bekam den Sieg dann im Nachgang aber noch zugesprochen. Das dies auch andersherum ausgehen kann musste ja genau er schon beim Saisonauftakt in Abu Dhabi feststellen.

„Das ist sicher nicht, wie ich mir meinen ersten WorldRX Sieg vorgestellt habe, aber das ist nicht meine Entscheidung und ich nehme es, wie es ist. Von diesem Wochenende gibt es viele positive Dinge mitzunehmen. Wir waren in Topform und ich denke wir hatten das Paket um auf der Strecke zu siegen. Im Finale gab es keinen Grip in der ersten Startreihe und das hat den Ablauf des Rennens bestimmt. Wir haben bald das nächste Rennen und die Leistung in Norwegen gibt uns eine Vorstellung auf das, wo wir sein wollen“, nahm Niclas Grönholm finnisch kühl zum nachträglichen Sieg Stellung.

Rallycross WM Hell Grönholm
©GRX Tanceo/by Jan Kåre Rafoss

Überraschungen in Hell – Hätte, hätte… – Abbring, Doran oder Baumanis

Der 30-jährige Niederländer Kevin Abbring gab in Hell sein Debüt in der Rallycross WM. Der ehemalige WRC-Pilot, der bei Hyundai nicht mehr über den Testfahrer-Status hinauskam, zeigte am gesamten Wochenende in Norwegen eine beeindruckende Leistung.

Als Gesamt-7. nach der Qualifikation und Rang 2 in seinem Semifinale konnte er im Finale sogar lange Zeit die Führung halten, bei schwierigen Verhältnisse trumpfte er ganz groß auf. Ein kleiner Fehler kurz vor Ende hielt ihn von einem Podestbesuch ab, ohne diesen wäre sogar noch mehr möglich gewesen.

Kevin Abbring im Skoda Fabia Supercar
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Rundherum ein beeindruckendes WorldRX-Debüt von Abbring, der der Truppe von ESmotorsport mit dem Skoda Fabia Supercar wieder Auftrieb geben sollte. Nach der Trennung von Rokas Baciuska und der Nicht-Teilnahme in Silverstone war Hell für die Mannschaft ein echter Lichtblick.

Janis Baumanis erlebte unterdessen am Samstag – an seinem Geburtstag – einen Tag zum Vergessen. In der ersten Qualifikation kam es zu einer Kollision in der ersten Kurve, die den STARD-Fiesta erstmal ins Kiesbett schickte. So musste er sich am Sonntag zurück in die Top 12 kämpfen, was dann auch reibungslos funktionierte.

Im Semifinale setzte er sich gegen Timur Timerzyanov beim Kampf um den letzten Finalplatz durch und schnupperte im Finale kurz am Heck von Niclas Grönholm, im Nachhinein auch an einem möglichen Sieg… – Baumanis durfte sich dann am Ende über die Trophäe für den dritten Platz freuen.

Rallycross WM Hell
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Auch Liam Doran gehörte in Hell zu den Siegkandidaten und das ganz unverhofft. Beim Briten im Audi S1 lief es nicht rund in der Qualifikation und er verpasste den Halbfinal-Einzug als 13. – eigentlich. Denn Bacisuka im dritten Megane wurde für ein Vergehen im dritten Qualisegment nachträglich bestraft und Doran rutschte ins Semifinale nach.

Hier schlug die „British Bomb“ dann im Regen von Hell zu und holte sich den Sieg. Doran entschied sich im Finale nach dem Start direkt für die Joker Lap – die taktisch richtige Entscheidung – und lag vor Anton Marklund, als sein Audi S1 plötzlich langsamer wurde. Die Technik verhinderte somit den Sieg für die Mannschaft vom RX Cartel, die sich von Lokalmatador Andreas Bakkerud gefühlt schon viel zu früh verabschieden mussten.

Andreas Bakkerud – Kein Glück beim Heimspiel

Hell lag den Audis vom RX Cartel nicht so richtig, man tat sich beim Setup deutlich schwerer als in den Rennen zuvor. Dennoch kämpfte sich Andreas Bakkerud auf den vierten Rang in der Qualifikation, seine Finalteilnahme schien lediglich Formsache.

Doch bei geänderten äußeren Bedingungen lief hier gar nichts mehr rund für den Norweger, der hier keine Chance auf den Finaleinzug hatte. Zwar eine herbe Enttäuschung für die zahlreichen Bakkerud Blue-Fans vor Ort, doch immerhin hält sich der Schaden in der WM-Wertung in Grenzen.

Andreas Bakkerud Hell 2019
©FIAWorldRallycross.com

Timo Scheider – Bärenstarker Auftritt und Pech im Semifinale

Einen Platz im Finale wäre für Timo Scheider im Seat Ibiza Supercar von All-Inkl.com Münnich Motorsport sicher ebenfalls drin gewesen. Scheider beendete den ersten Tag in Hell nach zwei Qualifikationsdurchgängen auf einem starken dritten Rang und auch am Sonntag schien er schnell genug für einen Platz ganz vorne.

Rallycross WM Hell
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Als 6. der Qualifikation startete er in sein Semifinale, welches leider nicht lange andauerte. Zunächst unterlief ihm ein Frühstart, d.h. es standen zwei Joker Laps für ihn danach auf dem Programm. Bei diesen Bedingungen war damit längst noch nicht alles gegessen. Doch direkt nach dem Start kam es zu einer heftigen Berührung mit dem Fiesta von Janis Baumanis und Scheider musste noch in der ersten Runde den Seat Ibiza abstellen. Schade, da wäre mehr drin gewesen, aber das galt am vergangenen Wochenende für viele Piloten der Rallycross-WM.

Timo Scheider lieferte aber immerhin im allerersten WorldRX-Quali-Rennen des Wochenendes ein taktisches Highlight ab. Gleichauf mit den anderen Boliden nach dem Start zwang er seine Kollegen durch seine Linie mit in die Joker Lap, ob diese wollten oder nicht. So blieb Scheider in Front und hatte freie Bahn nach vorne.

Timo Scheider HellRX 2019
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Ungewohnt frühes Aus für Timmy Hansen

Im Finale von Hell fehlte ebenfalls Timmy Hansen. Der war zwar abermals schnell, hatte aber erneut das Rennglück nicht gepachtet.

Als Zweiter der Qualifikation hatte er Niclas Grönholm noch in Sichtweite, doch ähnlich wie Bakkerud war auch für den Schweden und WM-Führenden das Semifinale Endstation. Hier musste er sich knapp gegen seinen jüngeren Bruder Kevin geschlagen geben, der sich den letzten Finalplatz schnappen konnte.

Timmy Hansen Hell 2019
©FIAWorldRallycross.com

Ungewohnt, doch in Hell war an diesem Wochenende vieles anders als sonst. Doch beide Hansen-Brüder sind immer noch ganz an der Spitze im WM-Tableau, Timmy bleibt nach Hell Führender mit lediglich einem Zähler Vorsprung vor Kevin.

Blick ins WorldRX Feld

Timur Timerzyanov konnte in Hell nicht ganz mit Teamkollege Grönholm mithalten und verabschiedete sich im Halbfinale. Hier war auch Endstation für den Renault Megane von Guerlain Chicherit und den Clio von Cyril Raymond.

Damit lief es bei Raymond aber deutlich besser als bei seinem Teamkollegen De Ridder. Der hatte keine Chance auf das Semifinale und lag am Ende in der Qualifikation noch hinter Oliver Benett im Mini und Jani Paasonen im zweiten STARD-Fiesta.

WRX Hell Action
©FIAWorldRallycross.com

Enttäuschend verlief der Auftritt der Rallycross WM in Hell für den Ungarn Krisztian Szabo im EKS-Audi. An sich längst ein regelmäßiger Kandidat fürs Semfinale, blieb Szabo häufig im Verkehr hängen und konnte seinen Zeiten nicht auf den Asphalt bzw. Schotter bringen.

Dagegen machte der Litauer Rokas Baciuska bei seiner Rückkehr in die Rallycross WM im dritten Renault Megane einen guten Eindruck. Das Supercar wird unter dem Banner der GCK Academy eingesetzt und ist nicht auf dem gleichen Level wie die anderen GCK-Meganes unterwegs. Die Motorenspezifikation ist beispielsweise nicht die aktuelle, von daher war sein Semifinaleinzug schon bemerkenswert – eigentlich.

Denn auch ihn traf eine Entscheidung der Rennkommissare. In der dritten Qualifikation kam er wohl während es Rennens an die Launch Control, wurde daher disqualifiziert und flog damit aus den Top 12.

Kommentar HellRX – Immer noch Rallycross…

Der Auftritt der Rallycross WM in Hell war sensationell und packend. Das hätte man der WorldRX noch vor einem Jahr nicht annähernd zugetraut. Doch das Feld sorgt für reichlich Spannung, wer zwischenzeitlich an einen Durchmarsch von Timmy Hansen erwartet hat, der wurde – Gott sei Dank – enttäuscht.

Anton Marklund war der eigentliche Überraschungssieger, aber Regeln sind Regeln. Warum solche Dinge nicht vorher überprüft werden können ist eine andere Frage. Marklund hatte keinen Wettbewerbsvorteil, von daher hätte solch eine Bestrafung auch anders aussehen können.

Die 1-Sekunden Strafe gegen Kevin Hansen ist allerdings mehr als fraglich, wir sind hier schließlich immer noch im Rallycross-Sport unterwegs. Jeder gönnt Niclas Grönholm diesen Sieg, doch die Entscheidungen am grünen Tisch haben in diesem Jahr den Abschluss eines großen Rallycross-Spektakels ramponiert.

Immerhin hat Hell abermals gezeigt, was für Kurse in den WM-Kalender gehören. Barcelona, Silverstone und vor allem Abu Dhabi fallen im Vergleich zu den Strecken und Events in Spa (Belgien) und Hell (Norwegen) doch mehr als deutlich ab.

Man kann nur hoffen, dass man beim nächsten WM-Lauf im schwedischen Höljes am Wochenende des 6/7. Juli den Piloten die Entscheidung überlässt und zwar auf der Strecke. In diesem Sinne, Keep Rallying.

PS: Natürlich dürfen jetzt noch einige Videohighlights aus Hell, sowie die Ergebnisse und WM-Stände nicht fehlen.

Videothek Rallycross WM Hell Norwegen 2019

World RX Final | 2019 Team Verksted FIA World Rallycross of Norway
Qualifying 3 & 4 Highlights | 2019 Team Verksted FIA World Rallycross of Norway
Qualifying 1 & 2 Highlights | 2019 Team Verksted FIA World Rallycross of Norway

Ergebnis WorldRX Hell 2019

1. Niclas Grönholm4:35,753 Minuten
2. Kevin Hansen4:35,097 (+1 Sek. Strafe)
3. Janis Baumanis4:36,570
4. Kevin Abbring4:38,165
5. Liam Doran4:56,516
6. Anton Marklund4:32,830 – DQ

Rallycross WM Stand nach 5 von 10 Läufen

  1. Timmy Hansen 107 Punkte
  2. Kevin Hansen 106
  3. Andreas Bakkerud 92
  4. Janis Baumanis 79
  5. Niclas Grönholm 78
  6. Timur Timerzyanov 78
  7. Liam Doran 74
  8. Timo Scheider 64
  9. Krisztian Szabo 55
  10. Anton Marklund 52

WM-Stand Teams

  1. Team Hansen MJP 213 Punkte
  2. GRX Taneco 195
  3. Monster Energy RX Cartel 166
  4. GC Kompetition 98
  5. GCK Academy 58
World RX Hell 2019
©FIAWorldRallycross.com

 

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