The Pass

Alex Zanardi Indycar 1996

Überholmanöver gibt es im Motorsport unzählige, doch es gibt nur ganz wenige, die einem nachhaltig in Erinnerung bleiben. Denkt man jedoch an “The Pass“, was wörtlich übersetzt nichts anderes als Überholmanöver bedeutet, wissen die meisten Motorsportfans, wovon die Rede ist.

Von daher geht es heute in der Rubrik Historic um das legendäre Manöver von Alex Zanardi beim Saisonfinale der US-amerikanischen CART-Serie in Laguna Seca.

Alex Zanardi – Nicht zu Bremsen

Der Titel der Rennsport-Biografie von Alex Zanardi beschreibt es wohl am besten. Der heute 53-jährige Italiener war und ist wohl einfach nicht zu bremsen. Den meisten ist sein Werdegang spätestens seit seinem fürchterlichen Unfall im September 2001 auf dem Lausitzring bekannt, den er wie durch ein Wunder überlebte.

In der Folge kehrte er nicht nur ins Cockpit eines Rennwagens zurück, er gewann auch mehrfach bei den Paralympics olympisches Gold. Und auch den Weg in den Motorsport fand Zanardi immer wieder zurück. Heute soll es allerdings um die Saison 1996 der amerikanischen CART-Serie gehen, die in diesem Jahr noch unter dem Namen PPG Indy Car World Series antrat.

Die Jahre zuvor versuchte sich der sympathische Italiener erfolglos in der Formel 1. Nach seinem Einstieg in die Königsklasse bei Jordan, wo er 1991 drei Grand Prixs absolvierte, stand im Folgejahr nur ein Rennen für Minardi auf dem Programm. 1993 und 1994 trat er für die Truppe von Lotus an, deren beste Tage schon lange vorbei waren. So konnte auch Zanardi hier nicht überzeugen und das Kapitel Formel 1 schloss sich schnell wieder für ihn. Erst für die Saison 1996 tat sich eine neue Chance auf – der Wechsel in die amerikanische CART-Serie zum Team von Chip Ganassi.

Indycar 1996 – Legendäres Saisonfinale

In der Saison 1996 waren es die Boliden von Reynard und Penske, die das Bild in der höchsten amerikanischen Formelklasse bestimmten, angetrieben von Mercedes-, Honda- und Fordmotoren. Es war auch die Zeit, in der es hinter den Kulissen Namensstreitigkeiten bezüglich des Titels Indycar gab, denn es war ebenfalls das erste Jahr, in dem auch die Indy Racing Leauge ins Leben gerufen wurde. Diese Trennung tat dem amerikanischen Formelsport nachhaltig alles anderes als gut, aber das ist ein anderes Thema.

Die Boliden dieses Jahrgangs kann man sich jedenfalls noch heute mehr als gut anschauen, für mich persönlich haben Formel-Rennwagen genau so auszusehen. Doch zurück zu Alex Zanardi, der sich im neuen Umfeld zunächst mehr als schwertat. Es dauerte eine ganze Weile, bis beim Italiener alles zusammenpasste.

In Portland beim neunten Lauf der Saison gewann er dann sein erstes Rennen in der Serie und der Schalter war umgelegt. Zwei weitere Rennen gewann er in der Folge noch und holte sich die Vizemeisterschaft hinter seinem Teamkollegen Jimmy Vasser, der von seinem Punktevorsprung Anfang des Jahres zehren konnte. Doch beim Saisonfinale in Laguna Seca stand der neue Meister deutlich weniger im Fokus, denn die letzte Runde im letzten Rennen des Jahres sollte Geschichte schreiben.

Alex Zanardi
©BMW AG

Corkscrew – The Pass – Ein Überholmanöver für die Ewigkeit

Alex Zanardi holte sich beim Grand Prix of Monterey bereits in der Qualifikation auf den letzten Drücker die Pole Position, in seiner allerletzten Runde schnappte er dem US-Amerikaner Bryan Herta die beste Startposition vor der Nase weg. Direkt nach dem Start zog Zanardi zunächst davon und bewies erneut, dass er der Mann der Stunde in der US-Serie war. Doch in der Folge warfen seine Firestone-Pneus ordentlich Blasen, ein Problem, mit dem Herta nicht zu kämpfen hatte. Der war auf Goodyear-Reifen unterwegs und konnte die Führung übernehmen.

Zanardi betrieb zu diesem Zeitpunkt Schadenbegrenzung und rettete sich zum Boxenstopp. Mit frischen Reifen blies der Italiener jetzt zum Angriff und holte zügig auf Herta auf. Nach zwischenzeitlich 10 Sekunden Rückstand tauchte der rote Ganassi-Reynard dann aber schnell wieder im Rückspiegel von Herta auf. An sich war zu diesem Zeitpunkt noch genug Zeit vorhanden, rund 20 Runden standen noch auf dem Programm. Doch Überholen ist in Laguna Seca auch nicht gerade einfach.

So ging es in die letzte Runde und viele hatten gedacht Zanardi würde sich mit dem zweiten Rang abfinden müssen, doch ausgerechnet in der berühmten Corkscrew-Korkenzieher-Kurve traute man seinen Augen nicht. In einem Haurückmanöver jenseits des Randsteins in dieser speziellen Kurve, eine Art in sich selbst verdrehtes S, zog der Ganassi-Pilot an Bryan Herta vorbei. Drei Kurven vor dem Ziel schnappte Alex Zanardi dem Kokurrenten den Sieg weg, der auf den letzten Metern nicht den Hauch einer Chance hatte, nochmal zu kontern. Es wirkte eher so, als wäre er in Schockstarre, büßte er doch bis zur Ziellinie noch einige Meter ein.

1996 - Leguna Seca - Alex Zanardi's pass on Bryan Herta

Sieg im Korkenzieher – Startschuss für Meisterjahre

Sein dritten Saisonsieg 1996 in dieser besonderen Art und Weise war auch gleichzeitig der Startschuss für Zanardis Meisterjahre in der CART-Serie. 1997 und 1998 gewann er den Meistertitel und seine Donuts nach der Zieldurchfahrt waren immer etwas besonderes.

1999 kehrte er in die Formel 1 zurück zum Team von Williams, die leider kein gutes Jahr haben sollte. Und wieder sollte der Italiener in der Königsklasse kein Glück haben. Sein weiterer Weg ist bekannt, zurück nach Amerika, der schwere Unfall 2001 und sein zweites Leben danach.

Doch seine Auftritt in der CART-Serie waren Ende der 90er Jahre immer etwas ganz besonders und “The Pass“ ist als eines der Überholmanöver überhaupt im Motorsport bekannt und berühmt. Heutzutage würden wir natürlich in solch einem Fall über “Track Limits“ diskutieren, 1996 haben wir das aber in Laguna Seca – Gott sei Dank – nicht getan und das war auch gut so. In diesem Sinne, bis bald und Keep Racing!

Alex Zanardi The Pass Laguna Seca Corkscrew
©Joe Skibinski/IndyCar

Bildnachweis Titelbild: ©wileynorwichphoto Quelle: Wikimedia Commons – This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license.

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